Interview mit Pascal Manoukian

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Pascal Manoukian, ehemaliger Kriegsreporter und Direktor der Presseagentur CAPA, hat sich dazu bereiterklärt uns einige Fragen über seinen Roman Nachtvögel zu beantworten. Eloquent, überlegt und empathisch überzeugt er mit wichtigen Argumenten und erklärt uns welche wichtige Rolle die Literatur bei der Bewältigung aktueller (politischer) Brennpunkte spielen kann, und wie seiner Meinung nach mit Flüchtlingen in Europa umgegangen werden sollte…

Sujet-Verlag (SV): Monsieur, Sie waren Kriegsreporter und Direktor der Presseagentur CAPA, Sie kennen sich also mit dem Schreiben von Reportagen aus. Was hat Sie nun dazu bewegt einen Roman zu schreiben? Welche Vorteile glauben Sie hat die Literatur/ die Fiktion gegenüber der sachlichen Berichterstattung?

Pascal Manoukian (PM): Ich schreibe nur über Themen, die mich bewegen. Mit dem Schreiben von Romanen erkunde ich, ebenso wie damals als Journalist, die Bereiche aus denen sich die Menschlichkeit zurückzieht, nur auf eine andere Art und Weise. Die Literatur hat die Macht, auf den Geist zu wirken. Sie ist ein Schutz vor Intoleranz und Dummheit. Deshalb muss sich die Literatur der Aktualität bemächtigen. Man muss über wichtige Dinge schreiben, und das Drama des Exils gehört in diese Kategorie. Dieses Buch war für mich eine notwendige Arbeit.

Außerdem wollte ich meine Figuren zu den ersten Zeugen des Dramas machen, dem wir heute beiwohnen. Aus diesem Grund habe ich die Handlung des Romans im Jahr 1992 spielen lassen, als das erste Boot in Lampedusa ankam. Ja, all dies hat sich schon angekündigt. Lesen Sie die Reportagen meiner Kollegen von vor zehn oder fünfzehn Jahren. Damals wie heute wissen wir ganz genau wo die Probleme von Morgen herkommen. In den kommenden 30 Jahren wird sich die Bevölkerung des afrikanischen Kontinents verdoppelt haben, während die Europas zurückgehen wird. Zwanzig der ärmsten Länder sind in Afrika, zehn der reichsten in Europa: was glauben Sie was passieren wird? Wer wird zu wem gehen? Und wenn wir nichts tun, dann kündigen sich in 50 Jahren noch zusätzlich 60 Millionen Klimaflüchtlinge an. Und trotzdem unternimmt keiner die notwendigen Schritte in Sachen Klima, ganz im Gegenteil: die USA zieht sich zurück. Folglich stellt sich die Frage nach dem Problem der Aufnahme gar nicht, wir haben schlicht keine andere Wahl. Sie sind da und sie werden weiterhin zu uns kommen. Auf die eine oder andere Weise, denn man kann so viele Mauern errichten, wie man will, sie werden umgangen werden.

Für mich ist die beste Lösung,  nicht darauf zu schauen, wer oder was diese Leute heute sind, sondern darauf zu vertrauen, was sie werden können, da wir zusammen leben werden. Viele von uns haben Migrationshintergrund und ich denke, dass wir, wenn wir die Fotos unserer Vorfahren betrachten, den möglichen Weg sehen können, der uns in ein oder zwei Generationen bevorsteht.

SV: Ihr Roman Nachtvögel ist offensichtlich fiktiv, dennoch haben Sie auf Ihre Erfahrungen als Kriegsreporter zurückgegriffen. Die beschriebenen Umstände sind also alles andere als erfunden. Wo kann man also die Grenze zwischen Realität und Fiktion ziehen?

PM: Ich habe viele dieser Verzweifelten in meiner Laufbahn als Journalist getroffen und ich habe stets ihren – gelegentlich selbstmörderischen – Mut bewundert. Aber keine meiner Figuren existiert im realen Leben. Es sind vielmehr kleine Mosaiksteine von Schicksalen der Schiffbrüchigen, die mir begegnet sind, in Mogadischu, in Afghanistan, am Südchinesischen Meer, in Dakka oder anderswo. Es ist ein wahrer Roman, dokumentiert aus meiner eigenen Erfahrung, aber es ist immer noch ein Roman. Eine einzige Figur ist von einer Familie illegaler Einwanderer inspiriert, um die ich mich gekümmert habe. Virgil. Im echten Leben heißt Virgil Vassile und es geht ihm gut. In meinem Roman [Achtung Spoiler] begeht Virgil Suizid, damit seine Frau und seine Kinder nicht in derselbe Hölle leben müssen wie er selbst. Immigration ist eine Geschichte der Aufopferung, diejenigen, die vorangehen, stellen ihr Leben hintenan. Sie opfern sich für die anderen Generationen und manchmal müssen sie ihr Opfer bis zum Äußersten treiben.

Dieses Buch dokumentiert meine eigene Erfahrung. Beinahe alle Fakten sind wahr oder sogar noch untertrieben. Aber anders als der Journalismus, erlaubt mir die Fiktion in den Köpfen und in den Schuhen aller meiner Figuren zugleich zu stecken, sie reagieren zu lassen, wie ich möchte, meinem Willen nach. So zwinge ich zum Beispiel drei „Gestrandete“ aus drei Kulturen und drei unterschiedlichen Religionen dazu, untereinander solidarisch zu sein. Das ist vollkommene Fiktion.

SV: Obwohl Nachtvögel im Jahr 1992 spielt, hat man häufig den Eindruck, dass die Geschichte sich genauso gut 2015 abspielen könnte. Hat sich das Schicksal der Flüchtlinge in Europa überhaupt verändert?

PM: In der Zahl, in der Medienberichterstattung und den Fluchtrouten ja, dort hat sich etwas geändert. Im Grunde allerdings nicht. Die Verzweifelten sind bereit, jedes Risiko auf sich zu nehmen, um dem Elend oder dem Krieg zu entkommen, und andere, manchmal ebenso verzweifelt wie sie, sind bereit, Profit aus dieser Misere zu schlagen.

SV: In Ihrem Roman zeigen Sie vor allem die Flüchtlinge, die in der Schattenwelt der Gesellschaft arbeiten, zum Beispiel schwarz auf den Baustellen. Diese Arbeiter sind also von großer Wichtigkeit für unsere Wirtschaft, oder?

PM: Natürlich brauchen wir Migranten. Ein großer Teil unserer Wirtschaft funktioniert ohne sie nicht. Das ist die große Heuchelei: Die Küchen unserer Restaurants sind voller illegaler Einwanderer, die Frachträume unserer Schiffe, unsere Baustellen. Diese Illegalität kommt doch vielen Unternehmern entgegen. Es sind billige Arbeitskräfte, die man schinden kann. Aber in diesen Booten sind auch die künftigen Krankenpfleger unserer Eltern, die Krankenschwestern, derer wir dringend bedürfen, vielleicht sogar der nächste Nobelpreisträger. Viele amerikanische Nobelpreisträger stammen aus der Immigration. Steve Jobs, der Mann, der die Welt verändert hat, ist Sohn syrischer Flüchtlinge. Das sollte uns zu denken geben.

SV: Wie sollte man sich in Europa im Angesicht dieser Migration verhalten? Wünschen Sie sich mehr Menschen wie Julien, die helfen, oder glauben Sie, dass es ertragreicher wäre die Probleme an der Wurzel zu behandeln, alles dafür zu tun die Situation in den Heimatländern der Menschen zu ändern?

PM: Wir brauchen zunächst die Juliens und großzügige Staaten für Notfallmaßnahmen, aber eben auch eine Politik, die langfristig etwas bewirkt, damit die Verzweifelten angemessen in ihren Ländern leben können, ohne ihr Leben dafür zu riskieren zu uns zu kommen.

SV: Bezüglich des Umgangs mit Flüchtlingen in Europa: was hat Sie schockiert und was hat sie erfreut?

PM: Europa ist nicht auf der Höhe. Die Mehrzahl der Länder, die sich weigern, Flüchtlinge aufzunehmen, sind diejenigen, die selbst am meisten von der europäischen Solidarität profitiert haben. Sie haben vergessen, wie sie darum gebettelt haben in die EU eintreten zu dürfen. Die Aufnahme von Asylsuchenden ist eine Pflicht. Sie muss durchgesetzt werden, ebenso wie die Schuldenreduzierung durchgesetzt wurde, mit derselben Intensität. Die Widerstrebenden auf die Knie zwingen, ebenso wie man es mit den Griechen gemacht hat. Wir haben die Kapazitäten, um sie aufzunehmen. Wenn Europa 5 Millionen Flüchtlinge aufnimmt, dann entspricht dies knapp 1% der Gesamtbevölkerung. Von einer Invasion sind wir weit entfernt.

Natürlich muss deren Ankunft organisiert  und Regeln aufgestellt werden, die den jeweiligen neuen Umstände anzupassen sind. Ich finde den Mut Angela Merkels bemerkenswert. Manchmal muss man auch mal nicht berechnend sein. Ich hätte es gern gesehen, wenn all diese Willkommensgrüße nicht in Deutschland, sondern in Frankreich gesagt worden wären. Dass all diese Wiedersehen syrischer Familien sich am Gare du Nord oder Gare de l’Est vollzogen hätten. Das war bewegend. Abgesehen von dem dort herrschenden Lebensstandard oder der Industrie, hat man nicht häufig Grund Deutschland zu beneiden. Ich denke, dass Frankreich nicht auf der Höhe seines Ansehens ist… Vier Jahre lang das größte Elendsviertel Europas in Calais toleriert zu haben, ist eine Schande.

SV: Ihre drei Hauptfiguren mussten ihre Heimatländer aus unterschiedlichen Gründen verlassen: Virgil versucht wirtschaftlichen Problemen in Moldawien zu entkommen, Assan flieht vor dem Krieg in Somalia und Chanchal vor klimabedingten Katastrophen. Es gibt also zahlreiche Gründe sein Heimatland zu verlassen. In Europa ist man häufig der Meinung, dass Kriegsflüchtige guten Grund haben zu entkommen, während man Wirtschaftsflüchtlinge nicht aufnehmen möchte… was denken Sie darüber?

PM: Lässt man ein armes Land in seinem Elend versinken, so wird es schnell zu einem Land im Krieg oder durch einen Diktator regiert. Einen Unterschied zu machen ist nichts anderes als seinen Verfall hinauszuzögern. Man verlässt sein Land aus einem wesentlichen Grund: Weil man denkt, dass es keine Zukunft für seine Kinder gibt. Für die schon geborenen und die noch nicht geborenen. Deshalb akzeptiert man alle Risiken. Beseitigen wir die Ursachen, geht der Zustrom zurück. Niemand geht aus Vergnügen ins Exil oder um von einem Sozialsystem zu profitieren, das ist Propaganda. Das Exil ist die Verneinung von Recht, sagte Victor Hugo.

SV: Um beim Thema zu bleiben: Ihr zweiter Roman Ce que tient ta main droite t’appartient beschäftigt sich mit einem der Gründe für Flucht: die Machtübernahme des IS, des Daech. Können Sie uns sagen warum Sie dieses Thema gewählt haben?

PM: Die erste Idee für diesen Roman kam mir im März 2012 als Mohamed Merah in Frankreich einen jungen Soldaten, Mohamed Legouad, ermordet hat. Beide waren 23 Jahre alt, kamen aus derselben Stadt und liebten beide dieselben Dinge: Mädchen, Fußball, Videospiele. Dennoch hat sich einer dem französischen Militär angeschlossen und ein anderer den Islamisten. Ich habe mich gefragt, was diese große Divergenz erklären könnte. Welches Netz hatten die Eltern Legouads um ihn gesponnen, dass er nicht demselben Wahn wie Merah verfiel?

Außerdem habe ich die Propaganda des Daech aufmerksam betrachtet und dann gab es drei Jahre später die Novemberattentate. Wie viele andere kannte auch ich ein junges Pärchen von dreißig Jahren, von denen einer sein Abendessen auf der Terrasse des Belle Époque nicht überlebt hat. Ich habe mir also vorgestellt, wie es wäre, ein junger Muslim in Frankreich zu sein, der verstehen will, wie man seine Friedensreligion, den Islam, in eine Waffe verwandeln konnte und habe angefangen zu schreiben.

Juli 2018

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