Neue Kurzgeschichten von Fabian Schefold mit Collagen von Monica Schefold

Fabian Schefolds „Herr A- Arbeitsgeschichten” ist ein Band mit humorvollen Kurzgeschichten über den Arbeitsalltag. Gerade an so grauen Tagen wie diesen lässt es sich gut schmunzeln mit Fabian Schefolds Beobachtungen zur Absurdität des Arbeitsalltages.

Ein Überarzt, der nur ein abgebrochenes Germanistikstudium vorweisen kann, übernimmt die Fälle, bei denen die Fachärzte nicht mehr weiter wissen und eine Persönlichkeitsstylingmanagerin berät Menschen, die nach Arbeit suchen, zu ihrem Charakter. Beim Lesen fragt man sich häufig, ob diese Berufe von Schefold erfunden wurden oder tatsächlich existieren – zuzutrauen wäre es unserer Gesellschaft jedenfalls. So schafft es Schefold nicht nur humorvoll zu sein, sondern auch zum Denken anzuregen.

3 Kommentare

  1. Ines Hartmann

    Noch besser als die T‑Geschichten…
    also ziemlich gut.
    Machen Sie sich selbst ein Bild.
    Für mich:
    Sehr lesenswert!

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  2. Christiane Schmidt

    Mega. Macht Spass. Auch gute Collagen. Kaufenswert.

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  3. Fabian Schefold

    Arzt

    Ärzte tragen die ganze Verantwortung.
    Sie entscheiden über Leben oder Tod.
    Ein klitzekleiner Fehler in der Diagnose, und der Patient ist tot.

    Der Nächste bitte.

    Ich bin da noch eine Etage drüber: Arzt für unlösbare Fälle.

    Wenn alle anderen Ärzte verzweifeln, keinen Rat mehr wissen, die Blutergebnisse mit der Ultraschallunteruchung verglichen und per Röntgen verifiziert haben, ohne Antwort geblieben sind – stattdessen unzählige vage Vermutungen entwickelt haben und nächtelang kopfschüttelnd über ihren Aufzeichnungen verbringen…

    …dann reichen sie die Patienten an mich weiter.

    Mich, den Überarzt.
    Den Mann für alle Fälle.

    Die Sache ist riskant, schließlich habe ich überhaupt keine medizinische Ausbildung.
    Ich gehe mehr von einem übergreifenden Standpunkt aus an die Sache ran.
    Wär’ ja noch schöner, der Überspezialist, dann noch in allem spezialisiert.

    Geht doch gar nicht.
    Außer wenn man es einfach behauptet.

    Ich habe übrigens Germanistik studiert, obwohl ich mich seit jeher schon sehr für Medizin interessiere. Das Studium war mir aber dann doch zu stressig.

    Ich verdiene dennoch hervorragend an dem Ganzen.

    Denn, es gibt viel mehr Patienten von der Sorte, als man denkt. Deren Geschichten so komplex sind, dass es dem Facharzt zu schwierig wird; der kommt dann einfach nicht mehr auf sein Kosten-Nutzen-Verhältnis. Deshalb gibt er die mir.

    Dann führe ich meine eigene, immer gleiche Therapie durch.

    Ab auf die Couch, erst mal ein bisschen ruhige Musik, Jazz, Soul und so.
    Danach quatschen: „Wie sieht’s denn aus, so kurz vorm Dahinscheiden?“ Meistens sind die total gefrustet; hätten noch so viel vorgehabt, alles wär’ so schön gewesen, mit der Lebensversicherung gäb’s zudem noch riesige Probleme und so.
    Ungefähr bei dem Thema beginne ich Phase drei: „Ihnen ist wohl gänzlich unbekannt, dass Sie hier nur im Vorstadium zum Leben sind?“ Auf die Frage hin sind die immer erstmal still und denken ein wenig nach.

    Meistens stehen sie dann auf, gehen zur Tür, murmelnd, „Ich dachte, wenigstens Sie würden sich um mich kümmern. Ich kann bestimmt geheilt werden, wenn ich mal den passenden Facharzt gefunden habe…“.
    Aber die Tür habe ich natürlich verschlossen, mit drei Extrasicherungsschlösser dran. Die Patienten zahlen gut, also sollen sie auch nichts verpassen.
    Ich sage an dem Punkt immer so was in die Richtung: „Ich bin grade dabei, mich um Sie zu kümmern. Um ihr zukünftiges Sein.“
    Das glaubt mir dann wieder keiner, deshalb habe ich den Beweis vorinstalliert.

    Phase vier.

    Die kriegen die Tür nicht auf, suchen einen anderen Fluchtweg und der führt, wie sollte es auch anders sein, zum Klo. Zwei Türen, eine raus, die andere vermeintlich zum Elementarbedürfnis. Und das schnallen die alle. „Dankeschön. Aber ich muss erstmal kurz verschwinden.“ Die wollen natürlich nicht kurz, sondern für immer und ewig verschwinden, weg vom verrückten Ich-tu-mal-so-als-wäre-ich-Doktor.

    Ab durchs Klofenster.

    Aber so geht ja grade mein Plan:

    Die gehen

    alle

    früher oder später durch die Tür.

    Ich müsste einige Bücher über die Tür, ihre Entstehung, ihre Entwicklung oder auch ihre,
    na ja, Funktion sozusagen, schreiben, habe dazu aber momentan nicht die Zeit.

    Sei’s drum. Jedenfalls gehen die alle früher oder später durch sie hindurch.

    Damals habe ich endlos gewartet, bis die Bauarbeiten fertig waren.
    Als meine Praxis stand, als ich sie um die Tür herum gestaltet hatte, habe ich mich endlich getraut.

    Eine unscheinbare Tür, aus dem Baumarkt, trotzdem eine Ur-Tür.
    An der Hausaußenwand, trotzdem fällt man nicht runter.

    Unter uns, ich habe damals auch total Schiss gehabt, beim ersten Mal; ein paar Grappas getrunken, dann erst bin ich raus.

    Beziehungsweise rein.
    Rein durch die Tür.

    Zunächst konnte ich kaum etwas sehen, es war sehr hell.
    Die Person war sofort da.
    Der Arzt. Eine Arztperson par excellence.
    Weißer Kittel, randlose Brille, große blaue Augen, gut rasiert, Lachfalten, mit Geräten vollgehängt.
    „Hallo! Endlich hast du dich getraut“, waren seine Worte, „endlich hast du dich in unser Ärzteparadies getraut.“
    Ich schaute an ihm vorbei, sah lauter feine Dinge.
    Belastungs-EKG-Fahrräder.
    Ultraschallinstallationen.
    Ampullenspritznadeln, Blutdruckmessgeräte, Herzschrittmacher in allen Varianten.
    Millionen Regale mit dem Zeugs – kann man viel mit ausprobieren.
    Glückliche Patienten auf dem Weg zur Besserung. Auf Rollstühlen, Krücken,
    mit stützender Begleitung.
    Ich sah das Ärzteparadies und schloss die Tür vorläufig wieder.

    Paradiese vergehen ja nicht.

    Neulich bin ich mal mit dem Anlageberater (nicht nachweisbarer Verdacht auf Multiple Sklerose) rein. Da war’s eine Bank. Mit lauter Entwicklungscharts, alle Kurse gingen straight nach oben. Sie fingen schon an, Löcher in die Decke zu bohren, um die Kursverhältnisse korrekt auszudrücken.
    Überall wanderten zufriedene Kleinanleger herum und lächelten.

    Dann gab’s auch diesen Pfarrer (möglicherweise AIDS). Bei dem saß einfach nur Gott in der Mitte des Saals, auf diesem goldenen Sessel, zu dem der rote Läufer führte. Er lächelte freundlich und sagte zu meinem Patienten:
    „Ich habe lange auf dich gewartet. Setz’ dich zu mir. Erzähl’ mir was.“

    Eben hatte ich dann den Bestattungsunternehmer (zwei Herzinfarkte) dabei. Tür auf, lauter Gräber, wohl gepflegte, gut beschnittene Gräber. Er lächelte, mir wurde komisch.

    Jetzt ist eigentlich die Hebamme (supergesund, extrem hypochondrisch) dran. Wir versuchen schon seit Stunden, die Scheißtür aufzukriegen…diese Scheißtür…es geht um meinen Job, um meine Zukunft…

    …um mein Leben nach dem Tod…!

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