Rezension von Sabine Kleyboldt zu Jabbar Abdullahs „Raqqa am Rhein”

Syrischer Archäologe Abdullah schreibt über neue Heimat Köln „Ich verspreche Ihnen, ein guter Geflüchteter zu werden”

von Sabine Kleyboldt, Katholische Nachrichten-Agentur

Der Rhein erinnert Jabbar Abdullah an den Fluss seiner Kindheit: den Euphrat in Syrien. Das macht es ihm umso leichter, sich in Köln heimisch zu fühlen. Der Weg dorthin war allerdings lang, wie er in seinem Buch beschreibt.

Köln/Aleppo (KNA) „Auf Wiedersehen, mein Euphrat, mein guter Freund, bitte bleib am Leben, irgendwann, so hoffe ich, komme ich zu dir zurück.” Mit geradezu poetischen Worten nimmt Jabbar Abdullah 2012 Abschied von seiner Heimat Raqqa am Fluss Euphrat. Das Assad-Régime zwingt den Studenten zur Flucht, weil er „Freiheit für Syrien” auf Hauswände gesprüht hat. Acht Jahre später dann: „Ich mag Köln, ich bin am Euphrat. Ich bin am Rhein… Ich lebe hier und will hier wie alle anderen weiterleben.” Denn inzwischen hat der Archäologe eine neue Heimat in Köln gefunden – sein „Raqqa am Rhein”, wie er auch sein Buch genannt hat.

Abdullah, der 2014 nach Deutschland kam und seit 2016 am Römisch-Germanischen Museum neben dem Dom arbeitet, will nicht eine weitere dramatische Fluchtgeschichte erzählen. Am liebsten würde er gar nicht als Geflüchteter wahrgenommen werden. Sondern als ein Mensch, der aufgrund widriger Umstände seine Heimat Syrien verlassen musste. Ein Land, das er den Leser riechen und schmecken lässt.

Das ofenwarme Brot, das seine Mutter Maryam morgens aus dem Dorf mitbrachte, der schwarze Tee, heiß und süß, genossen unter der Weinlaube oder den Olivenbäumen im Garten des Vaters, oft bei Gesprächen mit den Nachbarn über „Allah und die Welt”, schreibt der 33-Jährige, der sich selbst als nicht praktizierender Muslim bezeichnet.

Das Idyll endet, als der „Arabische Frühling” auch Syrien erreicht. In Abdullahs Studienort Aleppo werden Demonstrierende brutal niedergeknüppelt. Aus Angst kehrt Abdullah, den Archäologie-Bachelor in der Tasche, zurück nach Raqqa. Dort sprüht er mit drei Freunden nachts Freiheitsparolen auf die Moschee und die Zentrale der Baath-Partei – und flieht mit dem Pass seines Bruders über Libanon nach Ägypten.

Er macht seinen Master, doch nach einem Jahr in Ägypten wird das Leben auch hier gefährlich. Mit zwei Kommilitonen will er in der Türkei Asyl in Europa beantragen. Ein Schlepper schleust sie für 300 Euro nach Bulgarien, wo sie monatelang in Flüchtlingscamps hausen. Dann endlich: Ein Bus via Rumänien, Ungarn und Österreich ins „Gelobte Land”: „Nach 45 Stunden Fahrt sahen wir das erste Schild mit der Aufschrift Deutschland. Dieses Schild war für uns wie ein Symbol für Freiheit und eine bessere Zukunft”, schreibt Abdullah.

Doch zunächst wieder zermürbendes Warten in Flüchtlingsunterkünften, darunter zuletzt in Köln. Der junge Mann hat die Untätigkeit satt, verschafft sich einen leidlich bezahlbaren Deutschkurs. Und er fährt stundenlang Straßenbahn, um „den Leuten abzuschauen, wie sie sich im Zug verhielten, denn ich war nun auch hier und würde mein ganzes restliches Leben oder zumindest bis auf Weiteres in solchen Bahnen fahren”.

Nach dem positiven Asylbescheid gelingt es Abdullah, eine Wohnung und eine Anstellung zu finden. Doch zur Ruhe kommt er nicht, zu schlimm sind die Nachrichten aus Syrien, wo inzwischen die Terrormiliz „Islamischer Staat” (IS) Schrecken verbreitet. Im Dezember 2014 startet die Internationale Allianz den Angriff auf den IS. Abdullahs Bruder berichtet aus Raqqa von dauernden Bombardements, bei denen auch viele Zivilisten sterben. Mitte 2017 übernimmt die kurdische PKK die Besatzung, die mit den USA kooperiert; für die Menschen kaum eine Besserung. Und auch 2021 ist die Lage noch immer alles andere als friedlich.

In Köln engagiert sich Abdullah für die Integration anderer Geflüchteter, organisiert Kunstausstellungen und interkulturelle Begegnungen. Umso fassungsloser war er, als es in der Silvesternacht 2015 vor allem durch Männer aus Nordafrika zu Übergriffen gegen Frauen kam: „Das ist unglaublich. So etwas darf einfach nicht passieren.” Deshalb stellte er mit anderen die Aktion „Syrer gegen Gewalt an Frauen” auf die Beine, die im Januar 2016 auf der Domplatte demonstrierte. In „Raqqa am Rhein” blickt Abdullah liebevoll-ironisch auf jenes Land, das ihn inzwischen eingebürgert hat – und ihn noch immer gelegentlich für einen Terroristen hält. „Ich verspreche Ihnen, ein guter Geflüchteter zu werden, damit mich alle akzeptieren. Einer, der Schweinefleisch isst, sich jeden Tag in den Bars betrinkt, der gegen den Bau von Moscheen ist und für ein Kopftuchverbot.” Abdullahs nächstes Projekt: Ein Roman.

© KNA

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