Rezension zu „Cold War, Hot Autumn” von Najet Adouani

Rezension zu „Cold War, Hot Autumn” (2025)
von Sabine Schiffner

Eine Kindheit in Tunesien voller Schläge und Demütigungen. Gefängnisaufenthalte wegen  ihrer Reden und Gedichte, jahrzehntelanges Leben und Schreiben im Exil wegen ihrer politischen Arbeit als Feministin und Menschenrechtlerin und trotzdem drei Söhne alleinerziehend großgezogen, in einem Schriftstellerinnenleben mit viel Krankheit und Einsamkeit: Najet Adouani ist eine tunesische Schriftstellerin, Dichterin und Journalistin, die seit inzwischen fast zehn Jahren in Berlin lebt, wo sie lange Stipendiatin des Writers in Exile-Programm vom Deutschen PEN war.

In ihrer neuesten Publikation, dem Kreuzberger Tagebuch „Cold War. Hot Autumn“, das gerade im Sujet Verlag erschienen ist, schildert sie ihr Leben in Tagebuchform, beginnend am 21. September 2022 und endend am 28. Februar 2023.

Corona ist zu dieser Zeit immer noch ein präsentes Thema in dem heruntergekommenen Berliner Miethaus mitten in Kreuzberg, in dem Adouani wohnt und in dem lauter verloren wirkende, arme und aus der Gesellschaft herausgerissene Menschen ihr Leben fristen. Aber diese Menschen halten auch zusammen und treffen sich, auf der Straße, beim Türaufhalten, im Café. Sterbenskranke Schauspieler, einsame alte Frauen, demenzkranke Menschen, das sind die Personen, mit denen Adouani täglich zu tun hat, wenn sie sich aus ihrer Schreibklause hinausbegibt, zu Spaziergängen in ihrem Viertel, um in ein Restaurant zu gehen, oder einen Park aufzusuchen. Aber es sind gleichzeitig auch Menschen mit großer künstlerischer Vergangenheit, Müllsammler, die von den Nachbarn gefeiert werden und eine treue Freundin, die sie fast täglich zu Spaziergängen abholt.

Sehr viel Resilienz ist es, was Adouani aus ihren Beobachtungen prekärer Lebenssituationen zieht. Und oft geben die Begegnungen mit diesen Kreuzberger Menschen ihr Anlässe, um über eigene Erlebnisse und Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend in Tunesien zu reflektieren. Bei allem Schrecken, den sie dabei in Bezug auf ihre Vergangenheit und insbesondere ihre Leiden in einer von Männern und Machismo dominierten Gesellschaft skizziert, gibt es aber auch manch Schönes und Wunderbares zu berichten. Insbesondere die Schilderung ihrer atheistischen und liebevollen Großmutter und die Beschreibung von Sonnenunter- und Aufgängen und der Natur lassen die Leser*innen gut verstehen, warum die Autorin trotz aller Wunden doch immer noch sehnsüchtig und in Gedanken in Tunesien weilt, obwohl sie schon so lange von dort fort ist.

Und Verständnis für das Leben als Exilantin in der Fremde gewinnt man, wenn man dieses Buch gelesen hat, das eindringlich wie noch nie zuvor gelesen die Gefühle und Gedanken einer Frau, Mutter, Tochter und Dichterin schildert, die in Deutschland im Exil lebt und weiß, dass es für sie nicht zu schaffen sein wird, ein wirtschaftlich erfolgreiches Leben zu führen oder womöglich wieder in die Heimat zurückzukehren, die aber trotzdem versucht, das Beste daraus zu machen und aus kleinen Begegnungen wieder positive Kraft zu ziehen. Dazu gehört es aber auch, dass sie immer wieder ihre Wut und ihren Frust über die Verhältnisse und auch über falsche Freundschaften hinausschreit, die ihr schon in Tunesien zum Verhängnis geworden sind.

Kreuzberg mit Adouanis Augen zu sehen, eröffnet einem eine ganz neue, so nie zuvor gesehene Welt. Manchmal wirkt das wie ein Film, was doch oft traurige, aber zuweilen auch sehr fröhliche Wahrheit ist. Adouani hat in diesen fünf Monaten ein tief berührendes, unglückliches und wahrhaftiges Porträt ihres Stadtviertels und ihres Lebens geschrieben.

 

 

 

 

Share on facebook
Share on twitter
Share on email

Verwandte Artikel

Nassir Djafaris „Mahtab” im taz und hr2

Für einen neuen Artikel im taz hat sich Nassir Djafari mit Shirin Sojitrawalla im Frankfurter Palmengarten getroffen, um über sich selbst und sein Buch „Mahtab” zu sprechen.   Hier ein kleiner Vorgeschmack:   „Djafari erzählt ausnahmslos aus der Perspektive von Mahtab. Er hat sie der eigenen Mutter nachempfunden, sagt er im Gespräch. Es ist nicht ihre Biografie, aber vom Typ her sei sie ihr ähnlich: zurückhaltend und still. Auch ihr Mann Amin erinnere ein wenig an seinen eigenen Vater. Der sei ein sehr

Read More »

Gerrit Wustmann: Weltliteratur-Aktivist

Gerrit Wustmann spricht im Interview mit UnterEins darüber, warum mit „Weltliteratur” oftmals eigentlich nur „Westliteratur” gemeint ist, wer daran Schuld ist und was man dagegen tun kann. Ein lesenswertes Interview, das zum Nachdenken anregt:   Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem Interview:   Dein Buch sagt: Wenn irgendwo „Weltliteratur“ steht, etwa in Uni-Vorlesungen oder auf Bestenlisten, geht’s meist um Westliteratur: europäische und angelsächsische Bücher. Vielleicht fragt sich auch mancher: Reicht doch auch? Warum müssen wir unbedingt zum Beispiel arabische Literatur lesen? Was sagst

Read More »

Ein Podcast im Münchner Kirchradio | Fariba Vafi: An den Regen

In dem Buch-Podcast von Gabie Hafner aus dem Radioprogramm des Münchner Kirchradios wurde Fariba Vafis „An den Regen” als Buchtipp vorgestellt. In dem Podcast werden Frauen im Iran thematisiert.   Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem Podcast: Frauenfiguren zu erschaffen und Stimmen hörbar zu machen, die sonst stumm blieben, das ist der Anspruch der iranischen Autorin Fariba Vafi. Sicher sind es auch die Autorinnen ihrer Generation, die jüngeren Frauen den Weg gebahnt dafür haben, sich jetzt offen zu artikulieren.   Hier könnt ihr

Read More »

Interesse an unserem Newsletter?