Doğan Akhanlı: Madonnas letzter Traum

(4 Kundenrezensionen)

24,80 

Doğan Akhanlı greift in Madonnas letzter Traum die Novelle Madonna im Pelzmantel des türkischen Dichters Sabahattin Ali auf und schreibt sie neu. Akhanlı macht Ali selbst zur Romanfigur. Auf seinem Weg ins Exil wird er 1948 von Angehörigen des türkischen Geheimdienstes getötet. Unmittelbar vor seinem Ableben gesteht er, Maria Puder sei in Wirklichkeit anders gestorben als in seiner Novelle. Madonnas letzter Traum ist der Versuch, die wahre Geschichte des Lebens und Todes von Maria Puder in der NS-Zeit zu entdecken.

Der Autor nimmt einen mit zurück in die Welt seiner Kindheit, in die Liebesgeschichte von Sabahattin Ali, in die ernsthafte Recherche zu den historischen Geschehnissen des Holocausts, und in anarchistische Gespräche unter Freunden.

Historisches vermischt sich mit Autobiographischem und Fiktionalem, und ergibt so einen Strudel aus Erinnerungen und Geschehnissen, in dem Zeiten und Räume zuweilen verschwimmen.

Aus dem Türkischen übersetzt von Recai Hallaç.

Der Autor

 

Prosa | 1. Auflage 2019 | 472 Seiten | geb. mit Schutzumschlag | 24,80 € | ISBN: 978-3-96202-042-2

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Beschreibung

Aus einem kleinen Dorf in der türkischen Provinz stammend, bildet Literatur die Brücke zum Rest der Welt für den Jungen Akhanlı und genau dies spiegelt sich in den Geschehnissen des Romans wieder, in denen Wirkliches und Fiktionales sich so ineinander verschränken, dass sie zuweilen nicht mehr zu trennen sind.

In nicht realistischer, magischer oder fantastischer Weise Reales zu erzählen – Dieser Stil erinnert an Gabriel García Márquez und Orhan Pamuk.

Gerade zu Beginn hat seine Erzählung außerdem etwas Kafkaeskes: man weiß nie so richtig, durch wessen Augen man blickt – durch die von Sabahattin Ali oder durch die des namenlosen Erzählers Ende des 20. Jahrhunderts?

Auf geschickte Art und Weise setzt sich der Autor zudem mit den Grausamkeiten des Holocausts auseinander, indem er seinen Protagonisten zu den Orten der Geschehnisse bringt und ihn von den Eindrücken überwältigt monologisierend sich selbst Fragen stellen lässt – zur Menschlichkeit, ihren Grenzen und Abgründen.

Durch seine eigene Position als deutscher Staatsbürger und Einwohner, dessen Kindheit und Vergangenheit jedoch außerhalb Deutschlands liegen, gelingt Doğan Akhanlı eine unvergleichliche Perspektive auf die deutsche Geschichte: Sein Schreiben ist durchaus voller Kritik, jedoch eines, das erkennt, dass Schuldzuweisung nicht schwarz-weiß ist. Kritisch nicht nur in Bezug auf die deutsche Geschichte, sondern auch der türkischen und sich selbst gegenüber, stellt er mehr in Frage, als dass er verurteilt.

 

Der Autor

Ali und seine Romanfigur Maria ermöglichen es mir, über Grenzen und Zeiten hinweg zu denken. Ich kann so von verschiedenen Formen der Verfolgung und staatlicher Gewalt in der Geschichte literarisch erzählen.” So äußert sich der Autor Doğan Akhanlı selbst zu seinem Buch im Gespräch mit Andreas Fanizadeh in der taz.am wochenende.

Ein Buch, das deutsche und türkische Geschichte miteinander verknüpft und einen Bogen schlägt von der Nazi-Zeit bis fast in die Gegenwart”, führt Angel Gutzeit ein Interview (siehe unten) mit Doğan Akhanlı ein, in dem es sowohl um sein literarisches Schaffen als auch um seine persönliche Vergangenheit geht.

Rezensionen und Presse:

  Bayerischer Rundfunk:

Doğan Akhanlı: „1999 habe ich das Buch von Sabahattin Ali, „Die Madonna im Pelzmantel“ wieder gelesen. Ich wollte für einen anderen Roman, eine Figur, die in diesem Zeitraum der 30er Jahre lebte, eine Sprache suchen. Ich dachte, vielleicht hilft es mir, wenn ich Sabahattin Ali, der damals geschrieben hat, lese und sehe, wie er schreibt und wie die Stimmung damals war. Und als ich das Buch beendete, taucht in mir ein Satz auf: „Die Nazis haben es den Juden ermöglicht, dass sie bei der  Geburt sterben.” mehr

 

Deutschlandfunk:

Eine obsessive Liebe, ein tragisches Ende, eine verzweifelte Spurensuche, angesiedelt in Deutschland, Polen, der Türkei während der NS-Zeit, aber auch Jahrzehnte später: Doğan Akhanlı, ausgezeichnet mit der Goethe-Medaille 2019, erzählt in „Madonnas letzter Traum“ eine rasante Flüchtlingsgeschichte…” mehr

Radio Bremen:

Doğan Akhanlı hat im August 2019 die Goethe-Medaille für sein mutiges politisches Engagement für die Völkerverständigung, insbesondere zwischen den Armeniern, Türken und Kurden bekommen. Jetzt hat der Bremer Sujet Verlag seinen Roman „Madonnas letzter Traum” auf Deutsch herausgebracht. Burcu Arslan stellt das Buch vor.…” mehr

WDR, Lesenswert:

Doğan Akhanlı hat in einem mächtigen Erzählstrom Geschichte und Geschichten von Opfern erzählt. „Madonnas letzter Traum” ist eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit Menschheitsverbrechen und den Auswirkungen für die Nachfahren…” mehr

WDR Kultur am Mittwoch:

Der deutsch-türkische Schriftsteller Dogan Akhanli wird mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet. In seinem Werk setzt sich Akhanli mit den Themen Gewalt, Erinnerung und Menschenrechte auseinander. Ein Gespräch mit dem Autor…” mehr

Buten und Binnen:

Doğan Akhanlı am 03. September in Bremen

Jüdischer Salon am Grindel e.V.

Historische Realität und literarische Fiktion gehen bei diesem gründlich recherchierten und glänzend geschriebenen Roadtrip fließend ineinander über. Ein ungewöhnlich komplexes, literarisch raffiniertes Panorama der Verwicklungen des 20. Jahrhunderts und eine wertvolle Ergänzung zur ausschließlich deutsch-jüdischen Perspektive.” mehr

Büchereule.de:

Was für ein beeindruckend komplexer Roman. Doğan Akhanlı begbt sich mit seinem Buch stilistisch in die Nähe eines Orhan Pamuk oder Borges.” mehr

Ingrid Strobl:

In diesem so persönlichen Buch ist keine Koketterie, keine Selbstbespiegelung, und wenn es mich auf den ersten Seiten verwirrt hat, so bin ich nun dankbar, dass Dogan Akhanli die Verwirrung, in die ihn sein Leben in Deutschland manchmal stürzt, weder verschweigt noch aufzulösen versucht.” mehr

Süddeutsche Zeitung Magazin:

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Leseprobe

4 Bewertungen für Doğan Akhanlı: Madonnas letzter Traum

  1. jürgen meyhöfer

    Lieber Madjid,
    das passiert mir eigentlich eher selten mit einem Buch – ich habe mich festgelesen. Akanli hat es geschafft, verschiedene spannende Geschichten und Orte und Zeiten so miteinander zu verwebe, dass man förmlich mitgerissen wird.
    Erzählt er aus der Jugend seines Protagonisten, kommt auch der Humor nicht zu kurz. Schön, wie sein Dorf darum streitet, das eingestürzte Minarett der Dorfmoschee wieder zu errichten, der neuen laizistischen Türkei zu Ehren.
    Dann ist er unmerklich mit dir nach Solingen gefahren, wo Neonazis ein Haus angesteckt haben und viele türkische Bewohner umgekommen sind um ein wenig später nach Berlin – Wannsee zu fahren, wo in der Villa, die er besucht die Vernichtung der Juden generalstabsmäßig geplant wurde.
    Er hat die Gabe, all diese historischen Ereignisse mit der Gegenwart und seiner Vergangenheit zu verknüpfen, dass man einen neuen Blick auf die Geschichte bekommt.
    Und er beherrscht die deutsche Sprache!
    Ein gutes, nein ein sehr gutes Buch.
    J. Meyhöfer

    • Sujet Verlag

      Danke lieber Jürgen für dein Kommentar. Ich finde auch das Buch sehr großartig!

  2. Daniel Zaidan

    Dieser Autor ist ein meisterlicher Handwerker des Schreibens! Er packt einen emotional sofort und führt einen durch die Geschichte dass man wirklich Raum und Zeit vergisst… mit einem ganz eigenen, besonderen Schreibstil… Nur zu empfehlen!!

  3. Dr. Manfred Kux

    Der Umschlag rückt einen Stolperstein in den Blick und verleitet dazu, der verwischten weiblichen Schattengestalt im Hintergrund zu folgen. So wird der Betrachter verlockt, sich dem Roman zuzuwenden.
    Lässt er sich darauf ein, machen auf nahezu jeder der über 450 Seiten am Fuße des Satzspiegels aufgelistete Namen von realen Opfern politischer Verfolgung und Vernichtung deutlich, dass die gestaltete Fiktion sich bei aller freigesetzten Phantasie an der Wirklichkeit abarbeitet.
    Ähnlich ergeht es dem Protagonisten. Die Suche nach einer Romangestalt Sabahattin Alis und ihren Spuren in der politisch ebenso verstörenden wie zerstörerischen Wirklichkeit des 20. Jahrhunderts gerät, erzählerisch ambitioniert in der entschlossenen Verknüpfung von Zeit- und Handlungsebenen, zu einer verwirrenden und desillusionierenden Konfrontation mit der Geschichte politischer Gewalt, in deren Zentrum der Holocaust herausragt. Dogan Akhanli lässt den Versuch des Ich-Erzählers, die frühe Begegnung mit einer schemenhaft umrissenen literarischen Figur mit einem zufällig in den Blick geratenen Menschen in der Wirklichkeit weiterzuführen und einen real anzunehmenden Untergang für die Buchgestalt Sabahattin Alis erzählerisch abzuwenden, misslingen. Geschichte lässt sich eben nicht korrigieren. Doch ist das kein Anlass zur Resignation. Im Gegenteil: Es gilt zu verhindern, dass Geschichte vergessen wird, und zu begreifen, dass ihr weiterer Verlauf von den jeweils Lebenden als Akteuren abhängt. Dazu leistet der Roman von Dogan Akhanli einen bewegenden Beitrag. Er zeigt am Beispiel seines Ich-Erzählers, welche Vorstellungskräfte und Handlungsenergien Literatur mit ihren offenliegenden oder verborgenen Bezügen zur Wirklichkeit im Rezipienten freisetzen kann. Sein Roman ist politisch, ohne plakativ zu sein und auf Poesie zu verzichten.

  4. Monika Steinhoff

    Dogan Akhanli ist ein Meister der Erzählkunst. Er verstrickt in diesem Roman Realität und Fiktion, Vergangenheit und Gegenwart, Traum und Wirklichkeit auf eine so gekonnte Weise, dass man sich beim Lesen manchmal fragt, wer diesen Roman schreibt und von wem er handelt. Ist es Sabahattin Ali, ein namenloser Erzähler oder der Autor selbst. Alles verwischt!
    Und so begleiten wir den/die Protagonisten auf dem Weg von der Türkei nach Paris, Berlin und auch durch die Zeiten, aus der Vergangenheit in die Gegenwart und wieder zurück, durch Kindheitserinnerungen, Träume und Hoffnungen und dann wieder zurück nach Berlin, von hier ins Warschauer Ghetto, nach Ausschwitz, Bukarest und Konstanza bei ihrer Suche nach Maria Puder. Denn: „So ist Maria Puder nicht gestorben.”
    Und so erzählt Dogan Akhanli diese Geschichte über die größten Verbrechen an der Menschheit, über Antisemitismus und politische Verfolgung und Unterdrückung (auch bis in die Gegenwart) mit einer Wortgewandtheit und bildreichen Sprache, die dieses schwere Thema mit Leichtigkeit umschließt und auch daran erinnert, dass es immer auch neben der Grausamkeit die Schönheit und die Liebe gibt und vielleicht auch Hoffnung.
    Auf jeder Seite des Romans, am unteren Rand, sind Stolpersteine zur Erinnerung an die vielen Opfer, die 1942 beim Untergang der Struma getötet wurden, abgedruckt. Und der Autor nutzt auch versteckte „Stolpersteine” im laufenden Text, die uns nachdenklich machen, durch die geschickte Aneinanderreihung von Worten bzw. Fragen und Antworten der Romanfiguren, wie z.B. die Antwort Frau Dr. Narthoffs auf eine Aussage des Erzählers: „Das ist nicht erstaunlich. Nichts zu merken, nichts zu sehen, das ist in den letzten Jahren Mode geworden.”
    Ein rundum gelungener, absolut lesenswerter Roman, der an einer Geschichte aus der Vergangenheit ein auch noch heute immer wieder aktuelles Thema treffend erzählt und uns zum Nachdenken und vielleicht auch Umdenken anregt.

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