Rezension zu „Tausend Fenster” (2026)
by Gerrit Wustmann
Flucht, Migration und Exil sind Themen, die uns weiterhin beschäftigen werden, solange Despoten Staaten regieren und keinen Widerspruch gegen ihre Machtpolitik dulden. Deswegen sind Menschen aus Syrien nach Europa geflüchtet, deswegen kamen Menschen aus der von Russland angegriffenen Ukraine nach Deutschland, und wenn wir zulassen, dass hierzulande Rechtsextremisten Macht gewinnen, werden Menschen aus Deutschland flüchten müssen.
Es sind Themen, die den 1952 in Iran geborenen und mit fünf Jahren nach Deutschland gekommenen Schriftsteller Nassir Djafari seit jeher bewegen, so auch in seinem vierten Roman „Tausend Fenster“. Jahrzehntelang hat er in der Entwicklungszusammenarbeit gearbeitet – er kennt die Gründe, aus denen Menschen ihre Heimatländer in der Hoffnung auf ein besseres Leben verlassen, gut.
Der Protagonist in „Tausend Fenster“ ist allerdings diesmal nicht Iraner sondern Tscheche. 1972, wenige Jahre nach der Niederschlagung des Prager Frühlings, flüchtet der Reformsozialist und Journalist Pavel Horak aus Prag nach Frankfurt, im Kofferraum eines Mercedes, an dessen Steuer der iranische Teppichhändler Farhad Behbani sitzt, der mit einem gefälschten Diplomatenpass zwischen Freiheit und Diktatur pendelt. Wenige Stunden später soll er auch Pavels Frau Jana über die Grenze holen. Doch etwas geht schief, bei der zweiten Tour hat er eine andere Frau dabei, auf die Pavel nur einen flüchtigen Blick erhascht. Wer immer sie ist – sie ist nicht seine Frau.
Fortan sitzt Pavel in Frankfurt bei einem schon Jahre früher geflüchteten Kollegen und zermürbt sich in dem Versuch, seine Frau zu finden, Arbeit zu finden, im Exil Fuß zu fassen. Als er in Prag in Ungnade fiel warfen die sowjetischen Günstlinge ihn erst aus der Partei, dann aus seinem Posten bei der Zeitung und drangsalierten ihn immer weiter, bis er bei der Müllabfuhr arbeiten musste. In Deutschland bekommt es Pavel, der Jude ist, mit Altnazis in Behörden zu tun, aber auch mit anderen Exilanten, die ihm helfen. Geschickt baut Djafari seine Geschichte auf, die mittendrin die Perspektive wechselt, weg von Pavel und hin zu dessen in Prag gebliebener Frau Jana, die sich schwertut mit der Verantwortung für ihre rebellische jüngere Schwester, die Angst hat vor den omnipräsenten Spitzeln und den ständigen Drohungen eines Staatsapparates, der gnadenlos alle verfolgt, bei denen er Widerspruch wähnt.
„Tausend Fenster“ ist ebenso vielschichtige Erzählung über Migration und Machtstrukturen wie rasanter Spannungsroman, dessen potentielle Verfilmung man beim Lesen stets vor Augen hat. Und man kommt nicht umhin, zu spüren, wie sehr sich die Methoden repressiver Systeme damals und heute doch ähneln und muss sich wundern, wie wenig sich im Kern bewegt hat, wenn es um die Bekämpfung der dahinter stehenden Mechanismen geht, der Bekämpfung von Rassismus und Antisemitismus und all der anderen Übel, die auch heute Demokratien von innen heraus bedrohen. „Tausend Fenster“ erzählt eine Geschichte von zeitloser Relevanz in einer klaren, mitreißenden Prosa. Djafari, der erst spät zu schreiben begann, ist ein Autor, der unbedingt von einem größeren Publikum entdeckt werden muss.
(Originalpost auf Facebook zu finden.)
Nassir Djafari: „Tausend Fenster”. Sujet-Verlag, Bremen, 2026.




