Rezension: ‚Unendlich ist die Nacht‘ (Pedro Kadivar) von Annette Hertrich
Unser kleiner aber feiner Stand auf der Frankfurter Buchmesse hat uns endlich mal wieder die Gelegenheit gegeben, mit denjenigen, die wichtig sind, in den Austausch zu treten: Euch! Ein besonderes Highlight war dabei das Kennenlernen mit Annette Hertrich (Instagram: ins_lebenlesen), die so sehr von unserer Neuerscheinung Unendlich ist die Nacht (Pedro Kadivar 2023) angetan war, dass sie doch glatt eine Rezension dazu verfasst hat:
In EINER unendlichen Nacht breitet sich vor uns das gesamte Spektrum einer ebenso starken wir fragilen Beziehung zwischen zwei Männern aus, die nach über 30 Jahren von ihren Fluchtgeschichten aus dem Iran und der DDR eingeholt werden.
Fürs Schreiben ist es schwierig, wenn ein Buch zu viel mit mir zu tun hat. Fürs Lesen ist es das Beste, was mir passieren kann. Genau wie einer der Protagonisten floh ich 1988, ein Jahr vor der Wende, mit meiner Familie aus der DDR. Genau wie er, habe ich den Mauerfall mit einer Mischung aus Freude, Distanz, Ungläubigkeit und emotionaler Leere betrachtet. Genau wie er, fühle ich mich auch mit meiner innerdeutschen Fluchtgeschichte als Migrantin, habe ich selbst die Sprache im Westen als anders, fremd und neu zu lernen empfunden.
Ebenso wie beide Protagonisten habe ich versucht, meine Herkunft abzuschütteln, mich möglichst gut anzupassen und habe darüber die Verbindung zu mir selbst verloren.
In Pedro Kadivars UNENDLICH IST DIE NACHT steht jedoch der Iraner im Zentrum, der ebenfalls 1988 floh. Nicht vor Revolution oder Krieg, sondern vor Verfolgung und Ächtung Homos*xueller. Die Scharia, das islamische Rechtssystem, verurteilt Homos*xualität noch heute als todeswürdiges „Verbrechen“. Kadivars namenlose Figur trägt autobiografische Züge, ging zunächst nach Paris, studierte Literatur und verlor den Glauben an die Literatur, kam nach Berlin und promovierte an der Humboldt-Universität über Proust. In Berlin sind sich beide Männer begegnet und durch ihre Fluchtgeschichten ebenso verbunden wie getrennt.
Sie wechseln in dieser EINEN Nacht kein Wort miteinander und trotzdem spürt man ihre Verbindung und die Kraft ihrer Liebe. Sie erzählen leise und kraftvoll in sich abwechselnden Monologen ihre Geschichten und stellen sich ihren Fragen. Ist es möglich die Vergangenheit, die Traumata von Herkunft und Flucht, die Muttersprache zu vergraben und gleichzeitig ein freies selbstbestimmtes Leben zu führen? Was bedeutet es, eine Sprache anzunehmen, die nicht in uns verwurzelt ist?
Der Ton ist ruhig und melancholisch, der Text voller philosophischer und literarischer Bezüge, ohne aber irgendeine Form zu übertreiben oder langatmig zu werden. Durch die kurzen, sich in der Perspektive abwechselnden Kapitel bleibt Distanz, als bliebe ich genauso von diesen Männern abgetrennt wie sie von sich selbst.
Es ist ein Buch über die Mühsal von Grenzen – Länder-, Kultur-, Sprach- und zwischenmenschliche Grenzen – in einer nachweislich unendlichen Welt. In diesen gut 200 Seiten steckt ein ganzes Universum, das mich aufgewühlt und unendlich dankbar Highlight zurücklässt.
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