Rezension: ‚Sankofa‘ (Doğan Akhanlı) in der Frankfurter Rundschau
Am 01. November 2024 ist eine Rezension zum postum erschienenen Werk Sankofa (Doğan Akhanlı) auf der Seite der Frankfurter Rundschau erschienen. Wir bedanken uns ganz herzlich für die tollen Worte Martin Oehlens, die wir Euch nicht vorenthalten wollen:
Dogan Akhanli und sein postum publizierter, zutiefst lebendiger Roman „Sankofa“.
Der Sankofa ist ein sehr bemerkenswerter Vogel: Er blickt zurück in die Vergangenheit, um für die Gegenwart und Zukunft gerüstet zu sein. Bei den Aschanti in Ghana wird er daher mit nach hinten gedrehtem Kopf dargestellt. Mittlerweile hat der mythische Sankofa eine beachtliche Karriere gemacht. Sein Name schmückt einen Song von Cassandra Wilson, einen Film von Haile Gerima – und nun auch den posthum veröffentlichten Roman von Dogan Akhanli. Der Schriftsteller wurde 1957 im Nordosten der Türkei geboren, 2021 starb er in Berlin.
Dogan Akhanli entwirft in „Sankofa“ ein breites Panorama. Geographisch reicht es von Anatolien bis ins Rheinland, zeitlich von der türkischen Militärdiktatur der 1980er Jahre bis zum Beginn der Pandemie im Jahre 2020. Historische Ereignisse scheinen da und dort auf – die Ermordung des Journalisten Hrant Dink ebenso wie der NSU-Prozess. Und der gelegentlich mitwirkende „Sketchautor im zweiten Stock links“ in Köln, der „klein und schweigsam“ ist und „sehr oft verhaftet wurde“, ähnelt Akhanli durchaus.
Der Autor war leidvoll vertraut mit türkischer Staatswillkür. Erstmals wurde er im Alter von 20 Jahren inhaftiert. Der Grund: er hatte eine linke Zeitschrift gekauft. Nach dem Militärputsch im Jahr 1980 ging er in den Untergrund, wurde gefasst und saß zwei Jahre im Militärgefängnis von Istanbul ein. Nach der Flucht erhielt er 1991 in Deutschland politisches Asyl. Die Türkei reagierte darauf mit der Ausbürgerung.
Im Jahre 2010 wurde Dogan Akhanli bei einem Besuch in der alten Heimat abermals verhaftet. Man klagte ihn an, vor 21 Jahren an einem Raubüberfall mit Totschlag beteiligt gewesen zu sein. Zwar gab es einen Freispruch. Doch der wurde später aufgehoben. Auf dieser Basis kam es 2017 zu einer weiteren Verhaftung im spanischen Granada, welche die Türkei bei Interpol durchgesetzt hatte. Aufgrund intensiver Proteste, nicht zuletzt von Bundeskanzlerin Angela Merkel, konnte der Autor nach zwei Monaten ausreisen.
Ja, die politische Unterdrückung und tatkräftige Solidarität, von der „Sankofa“ handelt, hat Akhanli selbst erfahren. Gleichwohl ist dies weder ein Dokumentarroman noch eine Autofiktion. Auf mehr als 500 Seiten und in vier Großkapiteln werden zahlreiche starke Persönlichkeiten vorgestellt. Sie alle stehen untereinander in Verbindung. Darunter sind Tayfun, der aus einem Militärgefängnis fliehen kann, und seine geliebte Gülen. Zudem der Oberleutnant, der Taifuns 2370 Liebesbriefe aus der Haft liest und danach ein anderer Mensch ist. Oder auch Maria, die eigentlich Esra heißt und einer Zwangsheirat zu entkommen versucht.
Diesen und weiteren Heldinnen und Helden des Romans gelingt es, sich mit Selbstbewusstsein und Energie zu behaupten. Für alle ist Köln der zentrale Fluchtpunkt. Doch der erhoffte Friede wird brutal gestört durch die rechtsradikalen Mordanschläge. Dafür stehen die Ortsangaben Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen und die Keupstraße in Köln.
Bannende Momente prägen vor allem die erste Hälfte des Romans. Dort finden Poesie und Tragik in besonderer Intensität zueinander. Dabei macht der allwissende Erzähler, wenn ihm danach ist, auch mal einen Schritt zurück, um Ereignisse erneut, aber aus einem anderen Blickwinkel zu beleuchten.
Da kommt noch mehr
Madjid Mohit, in dessen Bremer Sujet-Verlag der Roman erscheint, versichert auf Anfrage, dass Akhanli das türkische Manuskript noch habe abschließen können. Danach habe sich Recai Hallac an die Übersetzung ins Deutsche gemacht. Der Verleger ist überzeugt davon, dass der Nachlass des Autors „noch zahlreiche ungenutzte Potenziale“ biete. Als nächste Veröffentlichung sei der Roman „Fassil“ im Gespräch – der befasse sich mit den „komplexen Rollen von Folterern und Gefolterten“.
Akhanli hat sich schon in seinen Prosawerken „Die Richter des Jüngsten Gerichts“ (2007), „Die Tage ohne Vater“ (2016) und „Madonnas letzter Traum“ (2019) mit Unterdrückung und Aufbegehren befasst. Doch keines seiner bisherigen Werke bietet einen solchen Reichtum an Stimmen und Schicksalen wie dieses Polit-Epos. „Sankofa“ liest sich wie die Summe eines Lebens. Die Sehnsucht nach Freiheit und Menschenwürde bestimmt jede Zeile. Der Roman schaut zurück, um voranzukommen – wie der mythische Vogel der Erinnerung.