
Maïssa Bey

Solange Bied-Charreton

Rezension: ‚TOTAL‘ (Nastaran Makaremi) von Daniela Neuenfeld-Zvolsky
„Die iranische Schriftstellerin und Journalistin Makaremi, die zurzeit in Berlin lebt, zeichnet in ihrem Roman die Verbrennung fossiler Energieträger als Fluch unserer Zeit, der insbesondere das iranische Volk seit Jahrzehnten prägt. Auf drei Erzählebenen wird die zerstörerische Gewalt von Kolonialismus und Ausbeutung anhand persönlicher Schicksale beschrieben. | Die erste Ebene spielt während der britischen Besatzung sowie der Ausbeutung der Bodenschätze und Ölarbeiter; sie wird fast märchenhaft und unter Verwendung biblischer sowie koranischer Symbolik erzählt. Die zweite Ebene ist Jahrzehnte später aus der Sicht des Jungen Yahya geschrieben. Er spürt den Geschicken seiner Vorfahren nach, wird jedoch ebenfalls von seinem britischen Herren ausgebeutet. Auch in diesem Teil werden mythische und religiöse Symbole im Überfluss genutzt. Im dritten Teil trifft die Erzählerin Afsoon auf Yahya, der ihr vom Tod ihres Bruders sowie von der Macht und der Ausbeutung von Mensch und Natur berichtet. So wird der Fluch des Öls anhand konkreter Figuren literarisch beeindruckend und dicht erzählt. Empfohlen.“ – Daniela Neuenfeld-Zvolsky, ekz Bibliotheksservice

Rezension: ‚Unterm Geschichtenbaum‘ (Gerrit Wustmann) vom EKZ
Der Journalist, Übersetzer und Schriftsteller G. Wustmann, Verfechter einer ‚Weltliteratur‘ die über einen westlich zentrierten Blick hinausreicht, und Kenner der türkischen, iranischen und arabischen Literatur, wie auch des US-amerikanisch geprägten Genres Horror, legt eine Anthologie seiner Essays vor. Nahezu alle Texte wurden bereits an anderer Stelle publiziert (Online, Presse, andere Anthologien) bilden jedoch in dieser Zusammenstellung einen weiten Blick darauf ab, wie vielfältig Literatur aus aller Welt sein, und welchen politischen Impact diese (z.B. als Exilliteratur) haben kann. Die Zusammenstellung wirkt als Einladung mittels Literatur über den eigenen Tellerrand zu blicken und sich lesend abseits des Gängigen neue Welten zu erschließen. Nischig, jedoch spannender Einblick in den Literaturbetrieb abseits der großen Verlage, mit sehr persönlichen Bezügen zu einzelnen Autor*innen wie z. B. Peter Straub, Axel Kutsch und Dogan Akhanlis

Artikel: ‚Tausend Fenster‘ (Nassir Djafari) in Wehrheim
Wehrheim – Die beliebte Wehrheimer Lesungsreihe einmal im Quartal geht am Montag, 17. August, um 19.30 Uhr im evangelischen Gemeindehaus, Oranienstraße 8a, weiter. Die Reihe ist eine gelungene Mischung aus Buchvorstellungen mit einigen Hintergrundinformationen sowohl über die Autoren als auch über die gesellschaftlichen oder historischen Umstände des jeweiligen Buchthemas. Dazu laden das Team der Buchhandlung der evangelischen Kirchengemeinde und des Weltladens ein. Dieses Mal wird einer der Autoren, der Wehrheimer Schriftsteller Nassir Djafari, selbst seinen neusten Roman vorstellen. Erneut verquickt Djafari, der 1952 im Iran geboren und als Fünfjähriger nach Deutschland kam, Fluchterfahrungen mit fiktiven Erlebnissen seiner Protagonisten. Eigene Familie diesmal nicht vertreten Waren die Geschichten und Romanfiguren seiner ersten drei Romane teilweise autobiografisch geprägt und stützten sich weitgehend auf die eigene Familiengeschichte, so spielt nun seine eigene Familie im neuen Roman „Tausend Fenster“ keine Rolle. Auch das Herkunftsland Iran dieses Mal nicht. Dennoch behandelt er wieder das Thema Flucht vor der alltäglichen Gewalt eines despotischen Regimes, das er dieses Mal in die Zeit nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 verortet. Es geht aber auch um Zerrissenheit zwischen Fortgehen und Bleiben sowie um Aufbegehren gegen Fremdbestimmung und um Eintreten für Souveränität. In Gesprächen mit tschechischen Zeitzeugen und mit umfangreichen Recherchen hat er eine Geschichte kreiert, die zwar an sich fiktiv, aber sehr realitätsnah ist. Zum Inhalt: Schon unmittelbar nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts im August 1968 wollte sich Pavel zusammen mit seiner Frau Jana in den Westen absetzen, solange es noch möglich war. Aber Jana konnte ihre jüngere Schwester nicht allein zurücklassen. Das Zeitfenster schloss sich, sie blieben und wurden erst aus der Partei ausgeschlossen, dann verloren sie ihre Arbeit. Im Kofferraum in den Westen Jetzt, vier Jahre nach der Niederschlagung des Prager Frühlings, steht ihnen nichts mehr im Wege. Im Kofferraum eines umgebauten Mercedes flieht Pavel in den Westen. Der Schleuser setzt ihn in Nürnberg ab und macht sich noch am selben Tag wieder auf den Weg zurück nach Prag, um Jana aus dem Land zu holen. Doch er kehrt mit einer Unbekannten zurück. Pavel steht vor einem Rätsel: Was ist seiner Frau widerfahren, wer ist die Fremde? Nach und nach entfaltet sich die dahinterliegende Geschichte.

Rezension: ‚Tausend Fenster‘ (Nassir Djafari) von Strandgut
In der neusten Ausgabe (Ausgabe 08/2026) ist eine Rezension von Alf Mayer zu Nassir Djafaris Tausend Fenster erschienen. Wir bedanken uns von tiefstem Herzen für die schönen Worte und wollen Euch natürlich nichts vorenthalten. Wenn Ihr hier klickt, kommt Ihr auch auf die Seite der Zeitschrift! Jede Wette, dass dieses Buch nach der Lektüre noch weitergeht, dass sich, wie sein Titel sagt, „Tausend Fenster“ öffnen. Nassir Djafari, der erst mit 67 Romanautor wurde, tupft in seinem vierten Roman wie in einem klassischen Jazzstück die Begleittöne kurz und präzise aufs Blatt, setzt die Akkorde meisterlich, trifft vom ersten Satz an den richtigen Ton. Sein Buch hat Hall und Raum und Echo, ich wäre gespannt gewesen, was ein Regisseur wie Shorab Shahid Saless (1944–1988) aus dieser Geschichte gemacht hätte. Im ersten Satz schon liegt Pavel im Kofferraum eines Fluchtautos. Es bringt ihn weg aus Prag, weg aus seinem alten Leben und den zurückgelassenen Träumen des „Prager Frühlings“. Vor allem aber aus dem Leben seiner Frau Jana. Die soll ihm eigentlich in der nächsten Tour des Fluchtwagens folgen, soll ihm noch am gleichen Tag nach Nürnberg nachkommen. Aber Pavels persischer Schleuser kehrt mit einer anderen Frau zurück. Mit einer Unbekannten. Vorsicht, dieses Buch kann Spuren von Franz Kafka enthalten. Und dazu ganz viel Sehnsucht. Und Entwurzelung. Hingetupft, ohne zu übertreiben. Erzählerisch mit großer Ökonomie gesetzt, präzise und sinnlich. Wissen, wie es ist, in einem fremden Land auf Hilfe angewiesen zu sein. Wissen, wie eine Stadt wie Frankfurt sich dann anfühlt. Die Stadt mit anderen Augen zu lesen, auch das lernt man in diesem Buch. Nassir Djafari, der im fünften Lebensjahr mit seiner Familie aus dem Iran nach Deutschland kam, schenkt uns in seinem Buch nicht nur den tschechischen Journalisten Pavel Horak und seine Frau Jana. Es gibt da auch noch einen undurchsichtigen persischen Fluchthelfer und mit ihm weit mehr als die Klischees, die wir alle über Menschen aus dem Iran pflegen. „Wir Perser lieben Gedichte. Sie kennen bestimmt unsere großen Dichter Hafez oder Saadi.“ Wir kommen ins Notaufnahmelager Gießen. Wir betreten das Rundschau-Haus, Ecke Große Eschenheimer, gehen ins Café Bauer und in ein Teppichgeschäft in der Braubachstraße. In der Jordanstraße „bemerkte er einen Buchladen zu seiner Linken und blieb unwillkürlich stehen. Buchläden zogen ihn magisch an, es war ihm unmöglich, an ihnen vorüberzugehen. Im Schaufenster lagen neben „Dialektik der Aufklärung“ von Adorno und Horkheimer „Der eindimensionale Mensch“ von Marcuse, „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Márquez und der „Rote Kalender für Lehrlinge und Schüler“. Ein beeindruckendes Sortiment, fand Pavel und betrat den Laden.“ … Nun, er findet dort nicht nur ein Buch. Der Titel von Nassir Djafaris Roman spielt auf ein heute vergessenes Lied an, das Udo Jürgens komponiert hat (unter anderem zu finden auf seinem Album „Lieder, die im Schatten stehen“). Udo schrieb es für Karel Gott, der damit für Österreich 1968 beim Eurovision Song Contest antrat. Dass der tschechische Sänger diesen Beitrag sang, war damals eine absolute Sensation. Es war ein Zeichen der Entspannungspolitik und der Öffnung und es begründete Karel Gotts Karriere im Westen mit. Das Lied heute zu hören, ist keine schlimme Erfahrung, im Gegenteil. Manche Dinge altern gut. Zitat: „Wie auf kleinen Inseln leben wir / Du weißt nicht mal, wer wohnt neben dir / Ihr alle kennt euch nicht / In der gleichen Welt voll Lärm und Licht … / Viele tausend Fenster sagen stumm: Hier lebt noch wer / Grad‘ wie du …“

Rezension: ‚TOTAL‘ (Nastaran Makaremi) von Gerrit Wustmann
Am 12. August 2026 ist eine Rezension Gerrit Wustmanns zu unserem jüngst erschienenen Roman TOTAL von Nastaran Makaremi (Übersetzung von Bianca Gackstatter) erschienen. Diese könnt ihr auf der Seite des Iran Journals nachlesen, indem ihr hier klickt. Einen Vorgeschmack wollen wir Euch natürlich aber auch geben: Selten wurde die zerstörerische Gewalt von Kolonialismus, Kapitalismus und Ausbeutung, die Geschichte großer Versprechen, die zu großen Verbrechen werden, so hintergründig und literarisch vielschichtig erzählt, wie hier, und das ohne je die Figuren und die Welt der Romanhandlung zum bloßen Vehikel einer politischen Message zu machen, wie es heutzutage leider gerade in der jüngeren deutschen Literatur allzu oft passiert.

Rezension: ‚TOTAL‘ (Nastaran Makaremi) von Anina Englert
Raffinerien, ein Fluch und das schwarze Gold. Arbeiter_innen, Legenden, Petroleum. Der Roman „Total“ von Nastaran Makaremi erzählt um das Erdöl herum. Und wird dann Teil seiner nächsten Verwandlung. Ich war die dunkle Energie der vielen. Man kann über Erdöl nicht erzählen. Man kann es nicht spüren; es ist unter unseren Füßen zu festem Asphalt geworden und auch wenn dieser manchmal zu brennen scheint, sind wir weit weg von seiner anfänglichen Form, die jederzeit in Flammen aufgehen kann. Man kann über Erdöl nicht erzählen, weil wir es mit uns tragen oder in uns aufnehmen. Dabei kennen wir seine Verwandlungen, geben wir dem Alltag die Klinke; es ist Teil von uns oder wir schon dessen nächste Form: Aus wie viel Mikroplastik besteht ein Mensch, wie viel Mikroplastik macht einen Menschen unserer Zeit…? Doch wir können nicht von Erdöl erzählen. Da versackt, versickt etwas Notwendiges: die Verbindung der verschiedenen Verwandlungsmomente von Erdöl auf dem Weg seines Fließens durch Pipelines, über die Verhandlungstische von Konzernen und Staaten hinweg. Was verloren gegangen ist, oder nie da war, ist jene Verbindung zwischen verschiedenen Stoffzuständen, Verwandlungen und Lebensformen des Erdöls. Melancholie des Ungestalten, das durch die Röhren fließt Wir können nicht über Erdöl erzählen, weil wir ohne unsere fossile Existenzgrundlage kaum denken können: Unsere Erzählformen räumen ihr höchstens einen Platz im Hintergrund ein. Seit der Moderne steht in der europäischen Literatur vor allem der Mensch im Zentrum; die Natur wird zur Kulisse, Industrialisierung vor allem als soziale Geschichte erzählt. Doch war es nicht gerade die Literatur, die lange vor der Science-Fiction utopische Gegenwelten entwarf? Der indische Schriftsteller Amitav Ghosh greift diesen Einwand auf und hält ihm entgegen, dass auch Utopien meist auf Versöhnung durch einen anderen Ort oder neue Technologien setzen. Wir dagegen haben nur diese eine Erde. Ghosh geht in seinem sozialgeschichtlichen Essay The Great Derangement der Frage nach, warum ausgerechnet die Klimakrise als umfassendste Krise der Moderne kaum Eingang in die Literatur findet. Er fragt, inwieweit die Literatur Komplizin der widersprüchlichen, da fossilen Fortschrittsdynamik auftritt: „Is it possible that the arts and literature of this time will one day be remembered not for their daring […] but rather because of their complicity in the Great Derangement?“. Und seine Antwort ist ernüchternd: Die Sprache, aus der Literatur (noch) gemacht ist, bleibt ein logozentrisches Dickicht. Und da das Anthropozän auch als eine kulturelle Krise zu verstehen ist, steckt die Literatur selbst mittendrin in unserer fossilen Sinneswelt, in der bei Plastik kaum jemand an Petroleum denkt. Den Tiger reiten Und dann erscheint im Juli dieses Jahres Total von Nastaran Makaremi, ein Text, der aus dem Persischen von Bianca Gackstatter übersetzt und vom Sujet-Verlag explizit als „Roman“ gekennzeichnet wird. Und der ausschließlich von dem geförderten Erdöl in der iranischen Wüste Khanazir handelt – oder besser, von dessen Verbindungen. Der „Roman“ verwebt Mythen über das „schwarze Gold“, koloniale Besiedlungs- und Förderpläne der Firma „Total“, die Geschichte mehrerer Generationen, den Arbeitsalltag und die Lügen, die die britischen Ingenieure erzählen, um den Mord palästinensischer und iranischer Arbeiter zu verdecken, zu einem um das Petroleum gewachsene Text-Dickicht. Die Erzählweisen wechseln sich unregelmäßig ab; sie sind vielstimmig, manchmal wird in Form von Briefen erzählt, manchmal autofiktional, es werden Legenden eingeschoben, die in manchen Momenten darauf als Lügen entlarvt werden, an anderen Stellen die Erzählwelt erfolgreich mythologisieren. Manchmal findet man sich nicht zurecht, wie: lebt da nun ein Wal unter dem Wüstensand oder nicht? Ursprünglich war das mal eine Geschichte, die der britische Ingenieur Jonah erzählte, um nicht melden zu müssen, dass er die iranischen Arbeiter im Sand verlor und einen davon erschoss. Aber im Verlauf meint der Vater von Raei und Afsoon dann, ihn tatsächlich gesehen zu haben. Das könnte eine erfolgreiche koloniale Geschichtsumschreibung im Kleinen sein oder aber das Unwahrscheinliche, das in der Wüste lauert, wo sich „Natur“ auf einmal nicht mehr handhaben lässt. In dem Roman lässt sich so nicht jeder Erzählstrang mit dem Kolonialismus der britischen Besatzung erklären, auch wenn vieles auf diesen hinausläuft. Und das Erdöl ordnet nicht nur Landschaften, sondern auch Körper und Begehren. Die koloniale Ordnung produziert eine Konstellation, in der verdrängtes Begehren gewaltsam artikuliert wird. Der Ingenieur Sir Herord zwingt seinen „Schützling“ dazu, sich zu prostituieren. Und doch werden die weißen Figuren den Roman hinweg immer wieder von einer mythischen, „bärtigen Frau“ heimgesucht, die sie begehren aber auch fürchten. Wo koloniale Gewalt und verdrängtes Begehren ineinandergreifen, erscheint jene Frau, die binäre Geschlechtsmerkmale überschreitet, den britischen Figuren als Bedrohung ihres kolonialen Selbstverständnisses, als eine disruptive Kraft. Seine Streifen gleiten an meinem Bein hinab wie Monatsblut Das Erdöl hat für die Figuren und Erzählstimmen auf unterschiedliche Weise Alles verändert: Öl war wie das Blut, das in unseren Adern floss. Es war ein Teil von uns. Die fließende Masse, schwarz und unheilvoll, hatte unser Leben ungewollt in eine Art moderne Sklaverei überführt. Im Grunde zählten dort in jener Gegend alle auf ihre Weise als Sklaven des Systems der Entdeckung, der Förderung und des Transports von Erdöl. Sklaven, die untereinander eine Hierarchie hatten. Und es verändert die Figuren nicht nur, es „durchdringt“ sie, das „luxuriöse und wohlhabende Image“ des Öls „in menschlicher Gestalt“ aber auch „der hässliche, schwarze […] und stinkende […] Teil [,] seine wahre Identität“. Das ist seltsam. Einerseits wird das Erdöl personifiziert; durchaus kritisch – denn sind das nicht immer Zuschreibungen, „Images“ (Können wir überhaupt ins tatsächliche Dickicht gelangen?), andererseits wird dessen „wahre“ Identität im nächsten Satz schon naturalisiert und geht in der wohl menschlichsten Beschreibung: „hässlich und stinkend“ auf. Hier wird der Stoff in eine Form gepackt, an den meisten Stellen des Romans wird er das. Der Text erzählt, was die Figuren mit dem Erdöl machen. Er erzählt von den Machtverhältnissen rund um das Erdöl, ja, es erscheint als Bedeutungsträger gerade erst durch diese. Deshalb wäre es falsch zu schreiben, der Text handle davon, was das Erdöl mit den Figuren macht; auch, wenn es sich auf Darstellungsebene genauso liest: „zweifellos war das Öl – neben Lügen und Dürren – einer der größten Flüche, die unser Land getroffen hatten.“. Das Erdöl, so ist für die































































































