Rezension: ‚Tausend Fenster‘ (Nassir Djafari) von Sabine Vykydal

„Mich überzeugt er auch in seinem vierten Roman durch eine beobachtende, empathische Perspektive auf seine Figuren. Ihm gelingt das Verknüpfen von historischer Realität und menschlicher Erfahrung auf eindrückliche Weise.“

 

Tausend Fenster, der neue Roman von Nassir Djafari – den ich sehnsüchtig erwartet habe – verbindet Lebensgeschichte und historische Umbrüche im Kontext des Prager Frühlings und seiner politischen Folgen. Er macht die Auswirkungen solcher Umbrüche auf das individuelle Leben erfahrbar. Nicht das Bewerten der Ereignisse steht im Fokus, sondern das Verstehen menschlicher Erfahrungen. In der ihm eigenen realistischen, ruhigen und reflektierten Erzählweise eröffnet Djafaris Text Einblicke in Fragen von Identität, Zugehörigkeit und Freiheit.
Djafaris Schreiben lässt sich der interkulturellen Gegenwartsliteratur zurechnen. Er behandelt hier Themen wie Flucht, Exil, Identität und Zugehörigkeit. Seine figurenorientierte Erzählweise folgt einer Art „Grammatik der weisen Erzählkunst“: unprätentiös, bescheiden und ohne erhobenen moralischen Zeigefinger erzählt er von menschlichen Erfahrungen und gesellschaftlichen Wirklichkeiten. Seinen Figuren begegnet er respektvoll beobachtend, stellt ihre inneren Konflikte und Entwicklungen in den Mittelpunkt.

Unterteilt in zwei sich teilweise überschneidende Zeitabschnitte begegnen wir im ersten Teil des Buches – vom 24. April bis 24. Juli 1972 – Pavel Horak, knapp 40 Jahre alt, geboren in Prag, wo er als Journalist im Feuilleton für eine Zeitung arbeitet. Sein Hauptgebiet ist die Literatur. Parallel schreibt er an einem Buch. Doch nach dem Ende des Prager Frühlings fällt er politisch in Ungnade und gerät als reformorientierter Journalist ins Visir des kommunistischen Regimes. Zur Srafe wird er 1969 aus der Partei ausgeschlossen, verliert seine Stelle bei der Zeitung, sein Reisepass wird eingezogen und schließlich kann er nur noch bei der Müllabfuhr arbeiten. Letztlich sieht er für sich und seine Frau Jana nur noch die Möglichkeit der Flucht aus diesem Land. Und diese Flucht hat es in sich. Seine eigene gelingt reibungslos doch die seiner Frau, am selben Tag, nicht. Und niemand weiß warum. Inzwischen ist er seit zwei Wochen in Frankfurt und hat keinerlei Kontakt zu Jana, aber mehr und mehr Fragen und Zweifel.

 

Im zweiten Teil begleiten wir Jana – vom 14. Mai bis 24. August 1972. Sie ist ca. 30 Jahre alt, Dolmetscherin für Deutsch, Polnisch und Russisch in Prag im Kulturministerium. Ein Jahr nach der Invasion wird sie vom Kulturministerium entlassen wegen politischer Unzuverlässigkeit. Sie sei mit einem Verräter der Arbeiterklasse verheiratet. So wird Jana schließlich Kellnerin. Der gemeinsamen Flucht stimmt sie erst zu als klar zu sein scheint, dass ihre 10 Jahre jüngere Schwester Sofie, um die sie sich nach dem Weggang des Vaters und dem sehr frühen Tod der Mutter gekümmert hat, ihren Platz im Leben gefunden hat. Und dann öffnet uns der Autor eine weitere Tür …

Nassir Djafari zeigt, wie stark historische Ereignisse in das Leben des Einzelnen eingreifen können, insbesondere in das eines Journalisten, dessen berufliche Freiheit durch politische Repressionen total beschnitten wird. Er verdeutlicht die grundsätzliche Bedeutung der Presse- und Meinungsfreiheit als zentrale Vorraussetzung einer jeden Demokratie.

Mich überzeugt er auch in seinem vierten Roman durch eine beobachtende, empathische Perspektive auf seine Figuren. Ihm gelingt das Verknüpfen von historischer Realität und menschlicher Erfahrung auf eindrückliche Weise. Und wie schön er eine Figur aus seinem zweiten Roman (Mahtab) eingeflochten hat, hat mich sehr gefreut und schmunzeln lassen. Er kann einfach sehr sehr gut und spannend erzählen und seine Geschichten werden zu einem Fresko in meinem Kopf.

Rezension von Sabine Vykydal

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