Artikel: Menschgewordene Reißzähne (Halim Youssef)
Aus dem Land der Kurden strömt das Wasser. In die Türkei, nach Syrien, Iran und Irak. Und eine Stadt, nahe der syrisch-türkischen Grenze, ist die Quelle. Zumindest dem Namen nach: Kobane hieß einst Kānī, kurdisch für Quelle. Im arabischen Sprachraum heißt sie Ain al-Arab, Quelle der Araber. Als das Deutsche Kaiserreich die Bagdad-Bahn durch das Osmanische Reich bauen ließ, siedelten hier bei einem kleinen Bahnhof 1912 die Gleisarbeiter, und die Deutschen nannten dies eine „Kompanie“, ein Wort, aus dem dann kurdischen Historikern zufolge „Kobane“ entstand.
Aber für die Dschihadisten des IS war es noch eine Quelle: die „Quelle des Islam“, wie Halim Youssef in seinem Buch „Liebe im Schatten der dunklen Flaggen“ die Stadt von ihnen benennen lässt. Doch es war vermutlich nicht ihre symbolische, sondern eher die strategische Bedeutung für die Nachschublinien in das von ihnen bereits kontrollierte Gebiet, weshalb sie die Stadt seit 2013 einzunehmen versuchten. Im September 2014 begann die Großoffensive, die Belagerung der Stadt dauerte bis Ende Januar 2015 und forderte Tausende von Menschenleben. Wir erinnern uns an die kurischen Kämpfer des YPG, besonders an die Fraueneinheiten (YPJ). Denjenigen Jesiden, die dem Morden und der Versklavung durch den IS entkommen waren, hatten sie einen Fluchtkorridor in die Türkei freigekämpft. Jetzt verteidigten sie Kobane mehr als drei Monate lang, bis es ihnen schließlich mit Hilfe von Luftunterstützung durch den Westen gelang, den IS zu vertreiben, die Stadt zu befreien. Doch das Morden hörte nicht auf. Etliche Terroristen gelangten mit dem Flüchtlingsstrom aus den immer noch vom IS kontrollierten Gebieten in die zerstörte Stadt, und während überlebende und zurückgekehrte Einwohner dort den Wiederaufbau versuchten, richteten sie weitere Massaker an.
Dies ist nicht der Hintergrund von Halim Youssefs Roman, sondern sein Thema, eng verwoben mit der Liebesgeschichte von Rodi und Perwin, deren Hochzeit in der befreiten Stadt der lang ersehnte Höhepunkt ist, bevor beide – zusammen mit Hunderten weiterer Menschen – den erneuten Anschlägen zum Opfer fallen. Die Rahmenhandlung spielt auf dem Friedhof, wo Tote sich bemühen, ihre Geschichte am Leben zu erhalten. Etliche Opfer erhalten Namen und dürfen von ihrem grausamen Tod erzählen, Väter, Mütter und Kinder. Die Täter dagegen sind namenlos, es sind „menschgewordene Reißzähne des Todes“, „Raben mit schwarzen Flaggen“, „hungrige Wölfe“ – die Vergleiche offenbaren Halim Youssefs Hilf- und Fassungslosigkeit angesichts der Gräueltaten, der Enthauptungen, der mitleidlosen Morde. Nur an einer Stelle im Roman gelingt es einem alten Mann, einen jungen IS-Soldaten in ein kurzes Gespräch zu verwickeln: „Die Zeit, die ich betend auf dem Teppich verbracht habe, ist länger als die Jahre deines Lebens. Du bist gekommen, um mich im Namen des Gottes zu töten, zu dem ich so viel und so oft gebetet habe.“ Es hilft ihm nicht.
Halim Youssef erzählt aus den wechselnden Perspektiven von Rodi und seiner überlebenden Schwester Cihan vom Leben und Sterben in der Stadt, wobei er den Mut und die Opferbereitschaft insbesondere der jungen Frauen hervorhebt, darunter die Sängerin Viyan Peyman und Arin Mirkan, die sich mit IS-Soldaten in die Luft sprengte. Märtyrerinnen. Vermutlich hat auch seine Figur des alten Generals Hamo ein reales Vorbild: Er hat seinen Titel und die Uniform von seinem Vater geerbt und sieht in den Kämpfen endlich die Gelegenheit, dem Titel gerecht zu werden, nachdem er nach missglückter dritter Ehe eingesehen hat, dass er es ist, der unfruchtbar ist. Nicht die drei Frauen, die er verlassen hat. Auch in der Beziehung von Rodi und Perwin ist zunächst die Frau die Stärkere, und Rodi sieht mit Bangen, wie auch sie sich den Kämpferinnen der YPJ anzuschließen versucht.
Ich gestehe, dass ich bei dieser meiner ersten Begegnung mit orientalischer Literatur Schwierigkeiten hatte, mich auf den Erzählstil einzulassen. An vielen Stellen passen die Geister der Toten zur einfachen Sprache des Märchenerzählers, während Mobiltelefone und Facebook Fremdkörper zu sein scheinen. Die Intensität großer Gefühle wie Liebe, Trauer und Schmerz wird weniger durch die Schilderung entsprechender Situationen deutlich gemacht als durch Metaphern, häufige Wiederholungen lassen mich im Lesen stolpern, sollen aber offenbar der Eindringlichkeit dienen. Ich gestehe: ich habe es lieber etwas trockener. „Schnitte Brot dazu“, sagte mein Vater, wenn ihm in Filmen große Gefühle auch entsprechend groß präsentiert wurden, und hier hätte er etliche Schnitten Brot gebraucht. Aber auch so berühren die Geschichten, die Halim Youssef erzählt, wenn er den Opfern Stimmen gibt und seine – und unsere – Hilflosigkeit gegenüber der Barbarei mit der Entschlossenheit der kurdischen KämperInnen konfrontiert.
Zusätzlich zur Perspektive Rodis und Perwins hat er noch eine weitere eingebaut: die eines sterbenden Walnussbaums in Perwins Garten, der dem Treiben der Mörder hilflos zusehen muss. Aber vor ihrem und seinem Tod hat ihn Perwin um einen Zweig gebeten, den sie einpflanzen möchte: So viele Walnussbäume sollen entstehen, wie Märtyrer – Märtyrerinnen – gefallen sind. Am Ende ist doch noch Hoffnung: Kobane ist schwanger. Die Stadt? Nein, sagt Halim Youssef, die werdende Mutter heißt Kobane. Aber die ganze Stadt wartet auf die Geburt.
Das Buch erschien im Herbst des vergangenen Jahres. Schon 2018 war die drei Jahre zuvor befreite Stadt wieder Opfer von Angriffen, diesmal Bombardierungen, mit denen der türkische Staat gegen die Kurden vorging. Und aktuell ist die Lage katastrophal: Vor den Kämpfen zwischen kurdischen Regierungen, die IS-Terroristen aus den Gefängnissen befreite, sind wieder viele Menschen in die inzwischen abgeriegelte Stadt geflüchtet; die Versorgung durch UN-Konvois gestaltet sich äußerst schwierig, weil der türkische Grenzübergang geschlossen wurde. Die Leiden hören nicht auf.
Text von Hans Werner Otto (die beste Zeit. Kulturmagazin für das Bergische Land: 03 26 (S. 76f.)