Rezension: ‚Tausend Fenster‘ (Nassir Djafari) von Strandgut
In der neusten Ausgabe (Ausgabe 08/2026) ist eine Rezension von Alf Mayer zu Nassir Djafaris Tausend Fenster erschienen. Wir bedanken uns von tiefstem Herzen für die schönen Worte und wollen Euch natürlich nichts vorenthalten. Wenn Ihr hier klickt, kommt Ihr auch auf die Seite der Zeitschrift!
Jede Wette, dass dieses Buch nach der Lektüre noch weitergeht, dass sich, wie sein Titel sagt, „Tausend Fenster“ öffnen. Nassir Djafari, der erst mit 67 Romanautor wurde, tupft in seinem vierten Roman wie in einem klassischen Jazzstück die Begleittöne kurz und präzise aufs Blatt, setzt die Akkorde meisterlich, trifft vom ersten Satz an den richtigen Ton. Sein Buch hat Hall und Raum und Echo, ich wäre gespannt gewesen, was ein Regisseur wie Shorab Shahid Saless (1944–1988) aus dieser Geschichte gemacht hätte.
Im ersten Satz schon liegt Pavel im Kofferraum eines Fluchtautos. Es bringt ihn weg aus Prag, weg aus seinem alten Leben und den zurückgelassenen Träumen des „Prager Frühlings“. Vor allem aber aus dem Leben seiner Frau Jana. Die soll ihm eigentlich in der nächsten Tour des Fluchtwagens folgen, soll ihm noch am gleichen Tag nach Nürnberg nachkommen. Aber Pavels persischer Schleuser kehrt mit einer anderen Frau zurück. Mit einer Unbekannten.
Vorsicht, dieses Buch kann Spuren von Franz Kafka enthalten. Und dazu ganz viel Sehnsucht. Und Entwurzelung. Hingetupft, ohne zu übertreiben. Erzählerisch mit großer Ökonomie gesetzt, präzise und sinnlich. Wissen, wie es ist, in einem fremden Land auf Hilfe angewiesen zu sein. Wissen, wie eine Stadt wie Frankfurt sich dann anfühlt. Die Stadt mit anderen Augen zu lesen, auch das lernt man in diesem Buch. Nassir Djafari, der im fünften Lebensjahr mit seiner Familie aus dem Iran nach Deutschland kam, schenkt uns in seinem Buch nicht nur den tschechischen Journalisten Pavel Horak und seine Frau Jana. Es gibt da auch noch einen undurchsichtigen persischen Fluchthelfer und mit ihm weit mehr als die Klischees, die wir alle über Menschen aus dem Iran pflegen. „Wir Perser lieben Gedichte. Sie kennen bestimmt unsere großen Dichter Hafez oder Saadi.“
Wir kommen ins Notaufnahmelager Gießen. Wir betreten das Rundschau-Haus, Ecke Große Eschenheimer, gehen ins Café Bauer und in ein Teppichgeschäft in der Braubachstraße. In der Jordanstraße „bemerkte er einen Buchladen zu seiner Linken und blieb unwillkürlich stehen. Buchläden zogen ihn magisch an, es war ihm unmöglich, an ihnen vorüberzugehen. Im Schaufenster lagen neben „Dialektik der Aufklärung“ von Adorno und Horkheimer „Der eindimensionale Mensch“ von Marcuse, „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Márquez und der „Rote Kalender für Lehrlinge und Schüler“. Ein beeindruckendes Sortiment, fand Pavel und betrat den Laden.“ … Nun, er findet dort nicht nur ein Buch.
Der Titel von Nassir Djafaris Roman spielt auf ein heute vergessenes Lied an, das Udo Jürgens komponiert hat (unter anderem zu finden auf seinem Album „Lieder, die im Schatten stehen“). Udo schrieb es für Karel Gott, der damit für Österreich 1968 beim Eurovision Song Contest antrat. Dass der tschechische Sänger diesen Beitrag sang, war damals eine absolute Sensation. Es war ein Zeichen der Entspannungspolitik und der Öffnung und es begründete Karel Gotts Karriere im Westen mit. Das Lied heute zu hören, ist keine schlimme Erfahrung, im Gegenteil. Manche Dinge altern gut. Zitat: „Wie auf kleinen Inseln leben wir / Du weißt nicht mal, wer wohnt neben dir / Ihr alle kennt euch nicht / In der gleichen Welt voll Lärm und Licht … / Viele tausend Fenster sagen stumm: Hier lebt noch wer / Grad‘ wie du …“