Artikel: Wie der Sujet Verlag Brücken zwischen Sprachen baut (VDLiA)
Der Sujet Verlag wurde im September 1996 in Bremen gegründet. Am Anfang stand eine einfache, aber zugleich weitreichende Idee: Literatur über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg zugänglich zu machen. Die ersten Veröffentlichungen waren eine zweisprachige literarische Zeitschrift sowie Übersetzungen zeitgenössischer iranischer Lyrik aus dem Persischen ins Deutsche.
Schon damals ging es nicht nur um Bücher, sondern um Begegnungen – zwischen Sprachen, Erfahrungen und literarischen Stimmen.
Auch heute, viele Jahre später, bildet die Übersetzung das Herzstück des Verlages. Übersetzen bedeutet für uns weit mehr als die Übertragung von Worten aus einer Sprache in eine andere. Es ist ein Vorgang des Zuhörens, des Annäherns und des Verstehens. Jede Übersetzung ist zugleich eine Einladung, eine andere Welt zu betreten.
Der literarische Gedanke, der das Programm des Verlages trägt, lässt sich mit einem Bild beschreiben: Luftwurzelliteratur. In der Natur gibt es Pflanzen, deren Wurzeln nicht ausschließlich im Boden wachsen. Sie bilden Wurzeln in der Luft – frei, beweglich und offen, um durch die Luftfeuchtigkeit sich zusätzlich zu ernähren. Dadurch schaffen sie neue Räume und finden Halt an verschiedenen Orten und bleiben dennoch lebendig und kraftvoll.
So verstehe ich auch eine bestimmte Form von Literatur: Texte von Autorinnen und Autoren, die zwischen oder besser gesagt mit mehreren Sprachen, Kulturen und Lebenswelten stehen. Viele von ihnen haben Erfahrungen von Migration, Exil oder kultureller Bewegung. Sie schreiben aus Zwischenräumen heraus – aus einer Perspektive, die zugleich Nähe und Distanz kennt.
Was in diesen Texten geschieht, ist oft eine innere Übersetzung. Erinnerungen, Erfahrungen und Beobachtungen werden aus der Perspektive der Fremde neu betrachtet. Aus dieser Bewegung entstehen literarische Stimmen, die Brücken schlagen können – zwischen Ländern, zwischen Menschen, zwischen unterschiedlichen Vorstellungen von Welt.
Gerade in unserer Zeit, in der Menschen aus verschiedensten Regionen der Welt zusammenleben, wird Übersetzung zu einer grundlegenden kulturellen Praxis. Sie ermöglicht nicht nur Kommunikation, sondern auch Verständnis. Sie lässt uns erkennen, dass hinter politischen Bildern und medialen Klischees immer individuelle Geschichten stehen.
Literatur hat die besondere Fähigkeit, diese Geschichten sichtbar zu machen. Sie muss nicht festlegen, wie ein Mensch aus einem bestimmten Land zu sein hat. Sie zeigt vielmehr den einzelnen Menschen – mit seinen Widersprüchen, Hoffnungen, Verletzungen und Träumen.
Der Sujet Verlag veröffentlicht daher Bücher, die genau diese Begegnungen ermöglichen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Übersetzungen aus dem Persischen, zunehmend auch aus dem Arabischen und aus anderen Sprachen. Viele dieser Bücher erscheinen zweisprachig, besonders in der Lyrik, damit der Klang und die poetischen Bewegungen der Originalsprache erhalten bleiben.
Neben Gedichten finden sich im Programm auch Romane, Erzählungen und Essays, die von kulturellen Übergängen, Migrationserfahrungen und den vielschichtigen Identitäten unserer Gegenwart erzählen.
Der Verlag versteht sich dabei als ein literarischer Ort der Vermittlung. Übersetzerinnen und Übersetzer spielen eine zentrale Rolle in diesem Prozess, denn sie öffnen Türen zwischen Sprachen und machen literarische Stimmen hörbar, die sonst verborgen bleiben würden.
Die Idee der Luftwurzelliteratur bleibt dabei der leitende Gedanke unserer Arbeit. Diese Literatur ist nicht heimatlos – sie besitzt viele Heimaten. Sie wächst zwischen den Sprachen, zwischen Erinnerungen und Gegenwarten, zwischen Orten, die manchmal weit voneinander entfernt liegen und sich doch in einem Text begegnen können.
Gerade heute, in einer Zeit, in der Grenzen wieder stärker gezogen werden, erscheint eine solche Literatur besonders wichtig. Sie erinnert uns daran, dass kulturelle Begegnung nicht Verlust bedeutet, sondern Erweiterung.
Der Sujet Verlag möchte daher Bücher veröffentlichen, die genau diese Bewegung sichtbar machen: Literatur, die aus vielen Richtungen kommt – und Leserinnen und Leser miteinander verbindet.
Von Madjid Mohit in VDLiA 73/2 (2026), S. 170–172